Robert Simon    
   
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Erhellend
Gegen den Lichtsmog? Das Kunstmuseum Celle bietet eine Bestandsaufnahme deutscher Lichtkunst

Blitze flackern, Neon blendet, Dioden glimmen, Lichtkegel schwenken, Spektralfarben wechseln – doch das vielleicht intelligenteste Stück Lichtkunst in dieser Schau bildet ein fast quadratisches und fast weißes Meer aus Schriftzeichen, deren Geheimnis sich nur dem Flaneur vollends offenbart:
Denn der schattet im Vorbeigehen unvermeidlich einige der elf Bildprojektoren ab – und in der Buchstabensuppe wird das Wort „Lichten“ sichtbar.

So lautet auch der Titel dieser Installation von Detlef Hartung und Georg Trenz, die sich als ironischer Kommentar zur allgegenwärtigen Durchleuchtung verstehen lässt: Ausgerechnet durch Verdunkelung kann sich das Chaos lichten, das besonders in Großstädten grassiert, den Sternenhimmel vernebelt, den Wachstumszyklus der Pflanzen und den Menstruationszyklus von Frauen stört. Weshalb Experten längst von „Lichtsmog“ reden. Das im Doppelsinn erhellende Kunstwerk ist jetzt im Kunstmuseum Celle zu besichtigen. Und es passt dorthin, weil die Initiatoren der Ausstellung „Scheinwerfer“ genau diesem Trend zur Lichtverschmutzung widerstehen zu wollen vorgeben. „Es geht hier nicht um die immer weiter um sich greifende Eventisierung unserer Städte durch Lichtdesign“, sagt der Museumsdirektor und Sammler Robert Simon. „Wir zeigen Lichtkunst.“

Und die Museumskuratorin Julia Otto verweist auf den nationalen Anspruch der Ausstellung, deren Macher bundesweit geforscht – und zwischen Aachen und Leipzig, Lübeck und München immerhin 120 Lichtkünstler aufgespürt haben. Der Untertitel der Schau zielt denn auch ins Enzyklopädische: „Lichtkunst in Deutschland im 21. Jahrhundert“, heißt es da, und „Teil 1“. Denn obwohl das Haus, das sonst etwa Simons Sammlung der klassischen und zeitgenössischen Moderne zeigt, von der Straßenebene bis unter den Spitzgiebel der Lichtkunst gewidmet ist, hat der Platz nur für 30 Kunstpositionen gereicht. Ein „Teil 2“ ist für Sommer 2014 geplant.

Unter den Exponaten sind so kühle Licht-Spiele wie das des gebürtigen Lübeckers Jakob Mattner, der in „Zwielicht“ die Lichtreflexe von Glasflächen auf weißer Wand wirken lässt. Oder die von Andrea Thembie Hannig durch einen Glasbaustein auf mehrere Flächen projizierte Film-Installation „Polar/ Licht“. Zu sehen sind aber auch kunterbunte Werke. Etwa „Triple Tube“ von Hans Kotter, der farbwechselnde LEDStreifen so raffiniert hinter Plexiglas montiert und verspiegelt hat, dass sie den Sog unendlicher Tiefe suggerieren. Oder Timm Ulrichs auch außerhalb des Museums sichtbare Neon-Herzen.

Überhaupt, die Außenansicht: In Celle ist man von Robert Simon einiges an Erleuchtung gewohnt. Schließlich nutzt er den Glaskubus des Kunstmuseums seit 2005 für Lichtkunstwerke. Gerade bei Dunkelheit ist ein Lichtvries des Zero- Künstlers Otto Piene zu besichtigen, da blinkt Francesco Mariottis „Quantenlandschaft“, da reckt sich Pienes „Feuerwerk für Celle“ in den Himmel. Und ab und zu wird die ganze Glasfassade in wechselnde Farben getaucht. Eine Lichtkunstausstellung als Initiative gegen den Lichtsmog? „Wir machen das nur zu jeder vollen Stunde und nur fünf Minuten lang“, betont Simon. Aber es wäre ja auch erstaunlich, wenn der 67-Jährige, der in Hannover einst für eine Versicherung arbeitete („Es hat mir nicht geschadet, für Marketing zuständig gewesen zu sein“), die Galerie „kö 24“ gegründet und die Skulpturenmeile initiiert hat, in Celle Scheu vor Außenwirkung an den Tag legte.

In die neue Ausstellung locken denn auch neue Außeninstallationen. Vollrad Kutschers „Blaulichttanz“ auf der einen, Achim Wollscheids bei Schall aufflackerndes „Lauschendes Lichtgras“ auf der anderen Seite. Eine Kunst-Inszenierung wird übrigens nur einmalig zu sehen sein: Margareta Hesses „Irrlichter“, eine Laserinstallation (am 7. Februar 2014) – als Teil eines umfangreichen Begleitprogramms. Für einen Kritiker der Eventkultur bietet Robert Simon also ganz schön viele Ereignisse auf.


Erleuchtung mit Tiefensog: „Triple Tube“ von Hans Kotter im Kunstmuseum Celle.

Hannoversche Allgemeine Zeitung, 16.11.2013 - von Daniel Alexander Schacht


 
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