Robert Simon    
   
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Das Kunstwerk

Von Bert Strebe

Schönheit kommt von innen. Was für Menschen gilt, gilt meist auch für Häuser. Wenn man sie aufbrezelt, sieht man: Fassade. Wenn man auf das vertraut, was in ihnen steckt, strahlt es nach außen aus.

So ist es auch beim umgebauten und jetzt wieder eröffneten Kunstmuseum in Celle. Die hannoverschen Architekten Gesche Grabenhorst und Roger Ahrens haben vor allem mit dem neuen Foyer das Schwerste geschafft: Einfach sein. Schlicht. Still. Sie haben sich auf die Kraft dessen verlassen, was das Wesen des Gebäudes ausmacht, zeitgenössische Kunst. So ist das Haus für die Kunst selbst zu einem Kunstwerk geworden.


Selbstverständlichkeit des Modernen im Historischen:
Galerist Robert Simon vor dem Museumsbau.
Foto: Karin Blüher

Der Schlossplatz in Celle wird vom Schloss und seinem Park dominiert. Ihm gegenüber aber steht die Stadt mit einer Kante vorwiegend historischer Bauten. Es sind allesamt öffentliche Gebäude in unterschiedlichen Stilen, 16., 17. Jahrhundert und ein bisschen Nachkriegsarchitektur. Direkt gegenüber dem Schloss steht das altehrwürdige Bomann-Museum, das 1992 an seiner linken Seite einen Erweiterungsbau bekommen hatte, in dem der hannoversche Galerist Robert Simon von 1995 an Teile seiner Sammlung zeigte. Allerdings: Dieser Annex war eine halbherzige, unpraktische Lösung, rasterhaft das historische Celler Fachwerk nachahmend, zurückgesetzt von der Straße – eine Lücke in der Gebäudeflucht.

In diese Aussparung nun haben Ahrens und Grabenhorst einen zehn mal zehn mal zehn Meter großen Glaskubus gesetzt. Ohne jedes Stilzitat. In einer Umgebung wie in Celle, sagt Ahrens, habe man geradezu die Pflicht, alles Historisierende wegzulassen.

Der Kubus orientiert sich an Traufhöhen und Gebäudefluchten, an sonst nichts. Er schließt die Lücke in der Straße wieder, vervollständigt die Baulinie gegenüber dem Schloss, gibt dem Platz Selbstbewusstsein und eine Anmutung von der Selbstverständlichkeit des Modernen im Historischen. „Im Grunde“, sagt Roger Ahrens, „haben wir nur Fluchtlinien aufgefüllt mit Raum.“ Aber weil innerhalb dieser geschichtsschweren Linien jetzt ein leichter moderner Bau steht, wirkt das gläserne Kunststück der Architekten wie ein überraschend aufscheinendes Lächeln in einem Gesicht.

Schon bei Tag ist das Haus eine Attraktion, wenn die weißen, mattierten Glasquadrate der Fassade vor sich hin schimmern, am rechten oberen Gebäuderand unterbrochen von Klarglasscheiben, die den Blick ins Innere gestatten, und fußend auf den durchsichtigen Scheiben über die ganze Breite des Erdgeschosses, die den Eingang markieren. Der Eingang, sagt die Geschäftsführerin des Kunstmuseums, Susanne McDowell, habe ihr besonders am Herzen gelegen. Früher musste man durch das Bomann-Museum, um zur Kunst zu gelangen. Jetzt: Alles offen. Keine Schwelle. Eine gebaute Einladung.

Und nachts, wenn das unter der Nummer 39854828 beim Patentamt angemeldete „24-Stunden-Kunstmuseum“ seine Werke hinter Glas präsentiert, bekommt der Kubus noch eine weitere Rolle – die eines Kristalls. Die Glasschicht schwebt im Abstand von 70 Zentimetern vor dem Betonkern des Hauses, und in dem so entstandenen begehbaren Raum finden sich 1272 Leuchtdioden, die das Gebäude in einen in mehreren Farbschattierungen changierenden Solitär verwandeln.

Abends können Passanten und Besucher nicht nur das Farbspiel der Fassade bestaunen, sondern auch von außen hineinspähen und – beispielsweise – Lichtkunst von Brigitte Kowanz studieren oder, im gläsernen Übergang zwischen Bomann- und Kunstmuseum, eine Leuchtschriftinstallation von Timm Ulrichs, die das Wort „Art“ aus dem Wort „Earth“ herausschält. Das ist mit dem „24-Stunden-Museum“ gemeint: Es schließt zwar um 17 Uhr, aber es verschließt sich nicht demjenigen, der außerhalb der Öffnungszeiten vorbeikommt.

Tagsüber sind derzeit prägnante Stücke aus der Sammlung Simon zu sehen, die jetzt unwiderruflich ihre Heimat in Celle gefunden haben: Der „Lichtraum 2001“ des „Zero“-Begründers Otto Piene etwa, ein großer dunkler Kasten, in dem Lichter hinter Wänden mit unzähligen aus lauter kleinen Löchern gebildeten Linien und Kreisen rotieren – man fühlt sich wie in einem Kosmos aus wandernden Sternen. Bilder von Dieter Krieg und Ralph Fleck sind dabei, Grafiken von Christo, Arbeiten von Absolventen der Hochschule für bildende Kunst in Braunschweig. Und im Dachgeschoss stehen aufgereiht die Schaukästen von Peter Basseler und eröffnen dem Betrachter lauter kleine verwunschene Welten, in denen zugleich Sommer und Winter ist, in denen Zeiten und Proportionen durcheinander kippen, in denen Hunde im Sprung gefrieren und real ist, was einen Farbanstrich bekommt. Sonderausstellungen werden folgen, die erste ab Mitte Juli unter dem Titel „Die Liebe zum Licht“ mit internationaler zeitgenössischer Fotografie.

Die Stadt Celle und Robert Simon haben eine neue Adresse auf der niedersächsischen Kunstlandkarte geschaffen. Und Grabenhost wie Ahrens haben gezeigt, wie man ein Universum öffnet, wenn man sich beschränkt.

Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon, Schlossplatz 7, 29221 Celle. Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr von innen, täglich bis 10 Uhr von außen. Infos: (0 51 41) 1 23 55 oder www.kunst.celle.

Hannoversche Allgemeine Zeitung, 12.06.2006


 
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